Manche Orte erzählen ihre Geschichte nicht mit Worten – sondern mit dem Wasser, das seit Jahrhunderten an ihnen vorbeifließt. Genau so ein Ort ist die Müllers Mühle in Folbern.
Wenn Sie heute am Ufer der Großen Röder stehen und dem ruhigen Fluss zusehen, fällt es leicht zu vergessen, welche Kraft dieses Wasser einst besaß. Über Jahrhunderte war es Motor des täglichen Lebens. Es trieb Mühlräder an, brachte Menschen Arbeit, ernährte Familien und bestimmte den Rhythmus eines ganzen Hofes. Noch heute fließt die Große Röder unaufhörlich an der Mühle vorbei – als stiller Zeuge einer langen Geschichte.
Auch das Dorf Folbern blickt auf eine beeindruckende Vergangenheit zurück. Bereits im Jahr 1291 wird es erstmals urkundlich als „Volbor“ erwähnt. Mehr als ein Jahrhundert später, im Jahr 1406, taucht in den Aufzeichnungen neben Höfen und Gärten erstmals auch eine Mühle auf.
Damals handelte es sich vermutlich um eine Walkmühle der Großenhainer Tuchmacher. Mit Hilfe der Wasserkraft wurden Wollstoffe gewalkt und verdichtet – ein wichtiger Arbeitsschritt in der damaligen Tuchherstellung. Wer die Kraft der Röder nutzte, trug zugleich Verantwortung für sie. Die Betreiber der Mühle mussten die Dämme und Ufer des Flusses instand halten, damit das Wasser zuverlässig seine Arbeit verrichten konnte.
Auf alten Karten wird die Mühle als Tuchmachermühle mit mehreren Gängen beschrieben. Später entwickelte sie sich zu einer Mahl- und Walkmühle, bevor sie im Jahr 1860 einen entscheidenden Wandel erlebte: Die Großenhainer Tuchmacher verkauften den Betrieb. Aus der einstigen Tuchmühle wurde eine klassische Mahlmühle – und damit begann ein neues Kapitel ihrer Geschichte.
Ihre heutige Gestalt erhielt die Mühle schließlich 1896, als Hugo Schöne die Wassermühle an der Großen Röder neu errichten ließ. Was damals vermutlich niemand ahnte: Durch die Heirat seiner Tochter mit einem Müller zog nicht nur ein neuer Familienname auf den Hof – es begann eine Familiengeschichte, die bis heute eng mit diesem Ort verbunden ist.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts schlägt das Herz der Mühle im Takt der Familie Müller.
Frühmorgens wurde das Wehr kontrolliert, bevor der Arbeitstag begann. Das Wasser setzte die Maschinen in Bewegung, Getreide wurde gemahlen und der Duft von frischem Roggenmehl erfüllte die Mühle. Über Generationen entstanden hier vor allem Roggenmehl und Roggenbackschrot, die weit über Folbern hinaus gefragt waren und sogar ihren Weg nach Dresden fanden.
Nicht jede Lieferung verließ den Hof mit einem Motor. Manche Mehlsäcke wurden noch auf Pferdewagen geladen und über die Landstraßen in die umliegenden Orte gebracht. Zur Mühle gehörte damals oft auch die Viehzucht – wie auf vielen landwirtschaftlichen Betrieben jener Zeit. Arbeiten bedeutete hier nicht nur Mahlen, sondern ein Leben im Einklang mit den Jahreszeiten, dem Wetter und der Kraft des Wassers.
Einen besonderen Meilenstein stellte der Einbau einer Wasserturbine Anfang des 20. Jahrhunderts dar. Sie ersetzte nach und nach ältere Antriebstechniken und erzeugt bis heute Strom für den Eigenbedarf der Mühle. Mehr als ein Jahrhundert später verrichtet sie noch immer zuverlässig ihren Dienst. Wer heute am Wehr steht und dem Wasser zusieht, blickt also nicht auf ein Museumsstück – sondern auf Technik, die seit Generationen lebt.
Rudolf Müller lernte das Müllerhandwerk von seinem Vater, legte später seine Meisterprüfung ab und übernahm 1975 den Familienbetrieb. Mehr als drei Jahrzehnte war die Mühle Mittelpunkt des Familienlebens. Hier wurde gearbeitet, repariert, geplant und gemeinsam angepackt.
Doch mit der Wiedervereinigung veränderten sich die wirtschaftlichen Bedingungen grundlegend. Wie viele kleine Mühlen hatte auch die Müllers Mühle Schwierigkeiten, sich in der neuen Marktwirtschaft gegen große industrielle Betriebe zu behaupten. Anfang der 1990er Jahre verstummten schließlich die Mühlsteine.
Damit endete zwar das Mahlen – nicht jedoch die Geschichte dieses Ortes.
Seither lebt die Familie Müller den Wandel selbst: Jeder Umbau, jede Modernisierung und jeder Ausbau der Pension wurde eigenhändig von der Familie geplant und umgesetzt. So entstand Schritt für Schritt der heutige Gästeort – und eine weitere Vergrößerung der Pension ist in Planung.
Und während draußen die Große Röder ruhig weiter ihrem Lauf folgt, zeigt sich die Müllers Mühle heute von einer ganz anderen Seite.
Wo einst das Klappern der Mühlsteine den Alltag bestimmte, sind es heute die Stimmen der Natur, die diesen Ort prägen. An warmen Sommerabenden erfüllen Frösche mit ihrem Konzert die Luft, während Bienen geschäftig von Blüte zu Blüte summen. Auf der Röder ziehen Enten gemächlich ihre Bahnen oder spazieren scheinbar ganz selbstverständlich über die Wiesen, als gehörten sie schon immer hierher.
Mit etwas Glück entdecken aufmerksame Beobachter Wildgänse, die auf ihrer Reise einen ruhigen Rastplatz suchen. Und wer ganz genau hinschaut, kann manchmal eine Nutria-Mutter beobachten, die mit ihren Jungen zwischen Teich, Schilf und hohem Gras unterwegs ist.
Doch die Müllers Mühle lässt ihre Geschichte nicht nur erzählen – sie lädt dazu ein, selbst ein Teil davon zu werden.
Vielleicht beginnt Ihr Tag mit einem kleinen Spaziergang über den Hof. Unsere Hühner begrüßen Sie bereits neugierig und mit etwas Glück holen Sie sich Ihr Frühstücksei direkt aus dem Nest unserer „Eiermädels“. Bleiben einmal ein paar Eier übrig, dürfen daraus im Mai oder Juni neue kleine Küken schlüpfen – ein Erlebnis, das nicht nur Kinderaugen zum Leuchten bringt.
Nur wenige Schritte weiter freut sich unser Rentnerpony über liebevolle Streicheleinheiten, eine ausgiebige Fellpflege oder eine kleine Schrittrunde mit den Kindern. Und wer das Reiten für sich entdecken möchte, dem vermitteln wir gerne den Kontakt zu einer Reitschule im Nachbarort.
Je nach Jahreszeit hält auch der Garten seine kleinen Schätze bereit. Äpfel, Pflaumen, Pfirsiche, Feigen, Johannisbeeren, Holunder, Kirschen oder Brombeeren warten darauf, direkt vom Baum oder Strauch genascht zu werden – oft schmeckt die Natur nirgendwo besser als dort, wo sie gewachsen ist.
Und wenn der Tag langsam zur Ruhe kommt, zeigt sich die Große Röder noch einmal von ihrer schönsten Seite. Vielleicht gleiten Sie mit dem Boot lautlos über das Wasser, lassen den Alltag Stück für Stück hinter sich und genießen die besondere Stille des Flusses. Wenn sich der Mond in der Röder spiegelt und ringsum nur noch das leise Quaken der Frösche zu hören ist, entstehen jene Augenblicke, die man lange in Erinnerung behält.
Vielleicht ist genau das das Besondere an der Müllers Mühle.
Seit Jahrhunderten ist sie ein Ort, an dem Menschen, Wasser und Natur miteinander leben. Früher gab die Große Röder den Takt für das Arbeiten vor. Heute lädt sie dazu ein, einen Moment innezuhalten, tief durchzuatmen und einfach den Augenblick zu genießen.
Die Geschichte der Müllers Mühle endet deshalb nicht mit einer Jahreszahl. Sie wird jeden Tag ein kleines Stück weitergeschrieben – von der Familie Müller, von der Natur und von den Menschen, die für eine Weile Teil dieses besonderen Ortes werden. Vielleicht gehören auch Sie inzwischen dazu.